Zum Komponieren der Oper
POEMS of the DAILY MADNESS

Das Wort bis zum Moment seiner Werdung zurückverfolgen, dorthin wo es, aus der Innenwelt kommend,  sich durch die Poren des Fleisches in die Außenwelt drückt und zu Klang und Rhythmus wird. An dieser Engstelle, an der aus unendlichem Wabbern etwas auf ein Geräusch reduziert herausquillt, im Vorzimmer des Sinns,  hatte ich mich kompositorisch eingerichtet.

Der  Übergang von Fleisch zu Schall ist für mich der Ort, an dem Missverständnis beginnt. Peter Handke meint, Missverständnisse sind das, wie er die Welt sieht. Vielleicht ist seine Aussage erweiterbar mit: Missverständnisse sind das, wie man sich und die Welt sieht. Wie sehr ich die Worte des Opernlibrettos missverstand, zeigt sich in der Melodisierung des Textes, mit Melodien, die im völligen Widerspruch zu ihm stehen. Das Missverständnis betrifft nicht den eigentlichen Inhalt der Worte, der Sätze, es betrifft das, was ich als den musikalischen Untergrund des Wortes bezeichne. Jedes Wort hat Rhythmus, hat Melodie oder Fragmente davon. Hört man dem Wort zu, belauscht man seinen Klang, sein Geräusch und wie sich Buchstabenverbindungen zu Rhythmen  und wie sich Worte zu größeren Strukturen verbinden, liegt das, wie Worte und Sätze gesungen werden wollen, schon vor. Die Melodien und Rhythmen stehen in POEMS of the DAILY MADNESS oft im krassen Gegensatz zum Sinn der Texte. Ich entschied mich, diese Missverständnisse als kompositorische Methode der Spannung und des Widerstandes, auch gegen mich selbst angewendet, zu verwenden. Das ermöglichte mir, eine Musik zu schreiben, die ich sonst nie komponiert hätte.

POEMS of the DAILY MADNESS Claudia Bosse + Günther Auer / theatercombinat, Bochum 2018 from theatercombinat on Vimeo.

POEMS of the DAILY MADNESS ist begehbare Oper, Raumskulptur und politisches Singspiel zugleich. Unter dem Eindruck von Attentaten und rassistischen Übergriffen untersucht Claudia Bosse die Auswirkungen unserer politischen Gegenwart auf unsere Alltagsrituale, auf das Denken und unser Handeln innerhalb einer sich zusehends polarisierenden Öffentlichkeit. Ihre fragmentarischen, manifestartigen und reflexiven Texte treffen widerständig auf die elektroakustischen Kompositionen Günther Auers. Zwischen den Gesängen der allegorischen Figuren POEMS, HATE CRIME, MADNESS und TERROR verschieben sich die Koordinaten im choreografierten Raum permanent, so wie die Auswirkungen unserer politischen Gegenwart sich auf uns übertragen – bewegen wir uns frei oder werden wir bewegt?

Konzept, Text, Raum, Regie: Claudia Bosse * Komposition: Günther Auer * MADNESS: Mirjam Klebel * HATE CRIME: Nic Lloyd * POEMS: Nicola Schößler * TERROR: Alexandra Sommerfeld * Ein Chor aus lokalen Sänger*innen komplettiert die Aufführung im Rahmen des Favoriten Festivals: Ines Hardieck, Sarah Heckner, Friedhelm Koch, Elke Köhn, Mamadoo Mehrnejad, Susanne Slobodzian, Josephin Tischner, Anne Werthmann * Chorleitung: Julia Wendel * Kostüme, Technische Leitung: Marco Tölzer * Assistenz: Dagmar Tröstler * Kommunikation: Vicky Klug * Produktionsleitung: Roma Janus * Fotos: Eva Würdinger

Mit freundlicher Unterstützung einer Residenz des workspacebrussels, Belgien. theatercombinat wird gefördert mit Mitteln der Kulturabteilung der Stadt Wien – MA7.

Die Adaption für das Favoriten Festival wird durch eine Förderung der Kunststiftung NRW ermöglicht.